Lorenz Oken: ein unbequemer Charakter im Wissenschaftsbetrieb

So ungewöhnlich wie sein gesamter Werdegang vom mittellosen Bauernsohn aus der badischen Provinz zum erfolgreichen Naturwissenschaftler war, so außergewöhnlich war auch seine Haltung gegenüber dem damaligen Wissenschaftsbetrieb. Er scheute keine Auseinandersetzung und leutete damit eine Demokratisierung der noch sehr elitären Wissenschaften ein. Er veröffentlichte seine Arbeiten zum Beispiel konsequent in deutscher Sprache und nicht wie üblich in Latein.

Lorenz Oken, ein Naturforscher des 19. Jahrhunderts, war nicht nur ein unbequemer Charakter im damaligen Wissenschaftsbetrieb, sondern ihm ist unter anderen eine damals in Gang gekommene Demokratisierung der Naturwissenschaften zu verdanken: statt in Latein veröffentlichte er seine Arbeiten aus Überzeugung in deutscher Sprache, ja übertrag sogar zahlreiche Fachbegriffe in die auch für Laien verständliche Sprache. So stammen unter anderem die allgemein bekannten und geläufigen Begriffe Kerfe, Kerbtiere, Zelle und Qualle von ihm.

So ungewöhnlich wie seine wissenschaftlichen Arbeiten war sein ganzer Lebenslauf: als mittelloser Bauernsohn am 1. August 1779 in Bohlsbach im Schwarzwald geboren, damals hieß er noch Ockenfuß, verlor er früh seine Eltern. Der Pfarrer des Ortes nahm ihn bei sich auf und erkannte sehr schnell die außergewöhnliche Intelligenz des Jungen. Er schickte ihn nach Baden-Baden auf die Stiftsschule.

Die nächste Etappe war die Universität Freiburg, wo er Medizin studierte. Schon dort beginnt er eine eigene »Naturphilosophie und Theorie der Sinne« zu erarbeiten, die erwartungsgemäß von seinem Chirugieprofessor, der er die Arbeit vorlegt, verrissen wird. Nichtsdestotrotz läßt er sie nach seiner Promotion drucken und veröffentlichen.

Von Schellings Arbeiten beeindruckt wechselt er nach Würzburg. Dort entwickelt er die »Bläschentheorie«, ein Grundstein für die sich später entwickeltende Zelltheorie. Er verwirft darin das damals gültige Weltbild, das jedes Spermium ein fertiges Lebewesen enthält, ein sogenannter Homunculus, der zu seiner Entwicklung nur noch in den Schoß der Mutter gepflanzt werden muß.

Er wechselt weiter nach Göttingen, wo er bei Blumenbach »Vergleichende Anatomie« studieren will, ist von diesem aber zutiefst enttäuscht. Vor allem kritisiert er den Vorlesungsstil Blumenbachs, bei dem er vor allem die freie Rede vermißt. Zwei Arbeiten, die in dieser Zeit entstehen, sind »Abriß des Systems der Biologie« und »Entwicklung der wissenschaftlichen Systematik der Tiere«. Aus der Erfahrung mit Blumenbachs Vorlesungen entwickelt er später einen eigenen Vortragsstil, der ihn bei seinen Studenten beliebt und berühmt machen wird, bei seinen Kollegen allerdings einigen Unmut erregt. Als weitere wichtige Erkenntnis aus Okens Arbeit läßt sich die Vorhersage des Os intermaxillare werten, dem Zwischenkieferknochen beim Menschen. Das scheinbare Fehlen dieses Knochens galt lange Zeit als Beweiß für die biologische Trennung von Mensch und Tier. Er habilitiert sich in Göttingen in den Fächern Biologie, Zeugung und Vergleichenden Physiologie.

Die nächste Stufe seiner Laufbahn führt ihn nach Jena, an die Universität, an der auch Hegel, Schiller und Fichte lehren. Dort beginnt er sein Lebenswerk, eine in deutscher Sprache geschriebene, 13-bändige »Naturgeschichte für alle Stände«, die er erst sehr viel später, 1851 in Zürich vollenden wird. Sie gilt bald als Standardwerk über das System der Tiere und Pflanzen und erlaubt allen Menschen, an den Erkenntnissen der damaligen Naturwissenschaften teilzuhaben.

Oken gehörte weiterhin zu den Mitbegründern der deutschen Wissenschaftszeitschrift »Isis« und der heute noch existierenden »Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte«. Er starb 1857 in Zürich. Die Zeitschrift GEO widmete ihm in der Ausgabe 4/2001 einen Artikel (von Uta Hentschel).

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